„Eigentlich passt es schon.“ Vielleicht kennst du diesen Satz. Du sagst ihn, wenn jemand nach deinem Job fragt. Nach einer Zusammenarbeit. Oder danach, wie es dir gerade geht.
Manches passt tatsächlich. Anderes kostet dich mehr Kraft, als du zugeben möchtest. Doch solange du beschäftigt bist, lässt sich die Frage nach dem eigenen Befinden ganz gut auf später verschieben.
Für mich beginnt ehrliche Selbstreflexion damit, genauer zu beschreiben, was gerade los ist. Was stimmt für mich noch? Was passt nicht mehr? Und welche Konsequenz möchte ich daraus ziehen?
Was bedeutet es, ehrlich zu sich selbst zu sein?
Es bedeutet, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und zugleich bereit zu sein, sie zu hinterfragen.
Vielleicht bist du mit einer Aufgabe unzufrieden. Das ist zunächst eine wichtige Information. Daraus folgt aber noch nicht automatisch, dass du kündigen musst oder den falschen Beruf gewählt hast.
Es lohnt sich, genauer hinzuschauen:
- Was konkret stört mich?
- Seit wann ist das so?
- Was funktioniert weiterhin gut?
- Welche Erklärung habe ich mir dafür zurechtgelegt?
- Was weiß ich tatsächlich, und was vermute ich?
Ehrlichkeit braucht dabei keine Härte. Du kannst anerkennen, dass du etwas lange mitgetragen hast, und trotzdem heute zu einer anderen Entscheidung kommen.
Wo rede ich mir etwas passend?
Manchmal merken wir, dass die eigene Erklärung nicht mehr ganz überzeugt.
„Das gehört eben dazu.“ „Andere schaffen das schließlich auch.“ „Wenn dieses Projekt vorbei ist, wird es ruhiger.“
Solche Sätze können zutreffen. Interessant wird es, wenn du sie seit Monaten wiederholst und sich wenig verändert.
Ein veranschaulichendes Beispiel: Eine Führungskraft übernimmt regelmäßig Aufgaben, die eigentlich bei anderen liegen. Sie erklärt sich das mit ihrer Erfahrung und dem Wunsch, das Team zu unterstützen. Gleichzeitig ärgert sie sich zunehmend darüber, dass niemand Verantwortung übernimmt.
Hier könnte eine ehrliche Frage lauten: „Wo helfe ich gerade sinnvoll, und wo übernehme ich etwas, das ich eigentlich anders vereinbaren müsste?“
Vielleicht möchte die Person gebraucht werden. Vielleicht fehlen klare Zuständigkeiten oder ausreichende Kompetenzen im Team. Vielleicht kommt mehreres zusammen. Erst die genauere Betrachtung zeigt, welche Veränderung sinnvoll wäre.
Was sagen mir Ärger und Unzufriedenheit?
Ärger kann ein Anlass sein, die Situation genauer zu betrachten. Er kann mit enttäuschten Erwartungen zusammenhängen, mit Überlastung, unterschiedlichen Interessen oder einer verletzten Grenze.
Deshalb lohnt es sich, zwei Perspektiven auseinanderzuhalten:
- Was ist geschehen?
Was wurde gesagt, vereinbart oder getan? - Was bedeutet das für mich?
Welche Erwartung, welcher Wert oder welches Bedürfnis ist betroffen?
Ein Beispiel: Eine Kollegin sagt einen vereinbarten Termin kurzfristig ab. Vielleicht ärgerst du dich, weil du dich auf sie verlassen hast. Vielleicht fehlen dir dadurch Informationen für deine Arbeit. Vielleicht vermutest du, dass dein Anliegen für sie unwichtig ist.
Die Absage ist eine Beobachtung. Die vermutete Geringschätzung ist eine mögliche Erklärung. Was dahintersteht, lässt sich gegebenenfalls im Gespräch klären.
Genauso wichtig: Ein Blick auf die eigenen Erwartungen entbindet andere Menschen nicht von ihrer Verantwortung. Unfaire Behandlung oder wiederholt gebrochene Vereinbarungen dürfen benannt werden.
Weitere Anregungen dazu findest du im Beitrag Wenn dich etwas ärgert: fünf Tipps, um ruhig zu bleiben.
Was will ich, und was glaube ich erfüllen zu müssen?
Im Alltag treffen eigene Wünsche und äußere Erwartungen aufeinander. Manche Verpflichtungen sind ausdrücklich vereinbart. Andere übernehmen wir, ohne dass jemand darum gebeten hat.
Vielleicht möchtest du zuverlässig sein und sagst deshalb selten Nein. Vielleicht glaubst du, als Führungskraft jederzeit eine Antwort haben zu müssen. Oder du hältst an einer beruflichen Richtung fest, weil du viel dafür investiert hast.
Prüfe eine konkrete Situation anhand dieser Fragen:
- Was wird tatsächlich von mir erwartet?
- Was nehme ich lediglich an?
- Was erwarte ich selbst von mir?
- Was davon möchte ich weiterhin erfüllen?
- Worüber brauche ich eine neue Vereinbarung?
Nicht jede Verpflichtung lässt sich sofort verändern. Trotzdem kann es hilfreich sein, klar zu benennen, woher sie kommt und welchen Spielraum du hast.
Ehrliche Selbstreflexion in vier Schritten
Nimm dir eine überschaubare Situation vor. Zum Beispiel ein Gespräch, das dich beschäftigt, oder eine Aufgabe, bei der du immer wieder zögerst.
1. Beschreibe, was passiert
Notiere die Situation möglichst konkret. Statt „Alle laden ihre Arbeit bei mir ab“ beispielsweise: „In dieser Woche habe ich drei zusätzliche Aufgaben übernommen, ohne meine bisherigen Termine anzupassen.“
2. Benenne, was dich daran beschäftigt
Was empfindest du dabei? Was ist dir wichtig? Was kommt zu kurz? Vielleicht möchtest du unterstützen und zugleich deine eigenen Zusagen einhalten. Vielleicht brauchst du Klarheit darüber, welche Aufgabe Vorrang hat.
Du musst dich nicht auf ein einziges Gefühl festlegen. Auch widersprüchliche Empfindungen können nebeneinanderstehen.
3. Prüfe deinen Einfluss und die Rahmenbedingungen
Was kannst du selbst entscheiden? Was braucht eine Abstimmung? Welche Grenze kannst du momentan nicht verändern? So vermeidest du, jede Schwierigkeit zu deiner persönlichen Aufgabe zu machen.
4. Formuliere einen nächsten Schritt
Wähle etwas Konkretes: „Ich kläre morgen mit meiner Führungskraft, welche Aufgabe zurückgestellt wird.“ Oder: „Bei der nächsten Anfrage sage ich erst zu, nachdem ich den Aufwand geprüft habe.“
Eine neue Erkenntnis muss nicht gleich das ganze Leben verändern. Sie kann zunächst zu einem anderen Gespräch oder einer klareren Vereinbarung führen.
Was, wenn ich die Antwort kenne, aber noch nicht handle?
Vielleicht weißt du längst, was du möchtest. Trotzdem zögerst du. Dann lohnt sich die Frage: Was macht den nächsten Schritt schwierig?
Fehlen Informationen? Gibt es finanzielle oder familiäre Abhängigkeiten? Befürchtest du einen Konflikt? Oder ist die angestrebte Veränderung noch zu groß und unbestimmt?
Aus diesen Antworten können unterschiedliche Schritte entstehen. Ein Gespräch vorbereiten. Eine Alternative prüfen. Unterstützung organisieren. Einen kleineren Versuch wagen.
Wenn du zwischen Möglichkeiten festhängst, findest du im Beitrag Entscheidungsstark trotz Zweifel weitere Fragen zur Klärung.
Du darfst auch bewusst entscheiden, vorerst etwas beizubehalten. Dann hilft es, einen Zeitpunkt zu vereinbaren, an dem du die Situation erneut prüfst.
Drei Fragen für einen ehrlichen Blick auf deine Situation
- Welchen Satz sage ich häufig, obwohl er mich selbst nicht mehr überzeugt?
- Welche Erwartung sollte ich überprüfen oder mit jemandem besprechen?
- Welcher nächste Schritt würde besser zu dem passen, was mir wichtig ist?
Ehrlich zu sich selbst zu sein bedeutet auch, die eigenen Grenzen anzuerkennen. Du musst weder alles sofort wissen noch jede Veränderung allein bewältigen.
Manchmal beginnt Klarheit mit einem schlichten Satz: „So, wie es gerade läuft, möchte ich es nicht dauerhaft weiterführen. Ich will herausfinden, was sich verändern lässt.“
Stärken erkennen. Klarheit gewinnen. Zukunft gestalten.
Als Leading Guide unterstütze ich Menschen dabei, eigene Erwartungen zu hinterfragen, Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und Entscheidungen bewusst zu treffen.
Du möchtest sortieren, was dich beschäftigt und welcher nächste Schritt zu dir passt? Gerne besprechen wir dein Anliegen.
Petra Baumgarthuber | Leading Guide
Die Beispiele veranschaulichen mögliche Situationen und beschreiben keine dokumentierten Kundenfälle. Die vier Schritte sind eine von mir zusammengestellte Reflexionshilfe.
Inhaltlich aktualisiert an 27.10.2026